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Bauplan für eine andere Schule
Die Jenaplan-Initiative Bayern.
Die Geschichte der Reformpädagogik erzählt von großen Namen und von namenlosen Größen. Manche ihrer VordenkerInnen sind auch der Nachwelt noch vertraut, andere längst vergessen. So hat es einem Rudolf Steiner geholfen, daß seine Pädagogik zu einem Renommierprojekt der Anthroposophen wurde. So hat eine Maria Montessori davon profitiert, daß sie im katholischen Milieu fest verwurzelt war. Und so tut es der Autorität eines Hermann Lietz gut, daß sich die deutschen Landerziehungsheime auf sein Vorbild berufen. Andere ReformpädagogInnen müssen ohne eine solche Lobby auskommen. Und die Erinnerung an sie hat das Verfallsdatum längst überschritten. Von Berthold Otto und Gustav Wyneken, von Fritz Karsen und Minna Specht, von Wilhelm Blume und Adolf Reichwein ist in der aktuellen pädagogischen Diskussion kaum noch die Rede.

Keine Pädagogik fürs Museum

Auch Peter Petersen zählt wohl eher zu den Namenlosen. Mancher wird bei diesem Namen eher an Herrenkonfektion der gehobenen Preisklasse denken, mancher an einen gut eingeführten Delikatessenhandel. Dabei gehört Peter Petersen zu den Frontleuten der Reformpädagogik im 20. Jahrhundert - viel zu ideenreich und viel zu radikal, um ins Museum der Pädagogik verbannt zu werden.

Die Literatur beschreibt Peter Petersen als einen Pendler zwischen den Systemen, als einen Einsiedler im ideologiegeschichtlichen Niemandsland. In der Weimarer Republik den sozialdemokratisch eingefärbten Schulreformen zugewandt, wurde er 1923 zum Ordinarius in Jena und zum Leiter der dortigen Universitätsschule berufen. Unter den Nationalsozialisten blieb Petersen in Amt und Würden, seine Annäherung an die neuen Machthaber aber war allenfalls semantischer Natur. Wie viele Reformpädagogen setzte er nach 1945 auf ein sozialistisches Deutschland. Für die politische Führung der sich konstituierenden DDR aber war seine Pädagogik »ein reaktionäres, politisch sehr gefährliches Überbleibsel aus der Weimarer Republik«. 1950 wurde seine Schule geschlossen und Petersen selbst entlassen. Die Nachfolgenden aber tun gut daran, die politische Naivität Petersens nicht zur alleinigen Meßlatte für die Beurteilung seines Werks zu machen.

Während derzeit ein oberflächlicher Methodenpurismus den pädagogischen Mainstream bestimmt, ist das reformpädagogische Programm Petersens anthropologisch begründet, ist seine Vision einer anderen Schule theoretisch reflektiert.

Die Würde des Kindes, aber auch seine Kompetenz verlangen nach einer neuen Rollenverteilung in Unterricht und Schulleben. Das Kind muß zum eigentlichen Subjekt des Geschehens werden, seine Selbsttätigkeit und Eigenverantwortung markieren die Agenda pädagogischen Handelns. Weil aber jedes Kind anders ist, muß auch die Organisation des Unterrichts den unterschiedlichen Persönlichkeiten und Lerntemperamenten gerecht werden.

Die Uniformierung des Unterrichts will Petersen durch eine Individualisierung des Lernens ablösen. Mögen das andere Repräsentanten der Reformpädagogik auch ähnlich gesehen und formuliert haben - für die öffentlichen Regelschulen des Jahres 1998 klingen solche Einsichten immer noch revolutionär.

Eigenständiges Lernen

Petersen war ein Visionär. Aber er war auch ein Praktiker, der jeden Tag mit den Schülern seiner Versuchsschule zusammen war und an ihnen die Praxistauglichkeit seiner Ideen überprüfen konnte. Der «Kleine Jenaplan», ein Memorandum für die Veränderung von Schule und Unterricht, beschreibt die Weiterentwicklung solcher Ideen zu ganz konkreten Prinzipien der Unterrichtsgestaltung: Sichtbarer Ausdruck einer Individualisierung des Lernens ist für Petersen demnach die Freiarbeit als ein Ort eigenständigen Lernens. Damit sich dieses Projekt nicht im Unverbindlichen erschöpft, vereinbaren LehrerIn und SchülerInnen jeweils zu Beginn der Woche, welche Vorhaben in den folgenden Tagen zu erledigen sind: den »Wochenarbeitsplan«. Weil jede/r SchülerIn einen Anspruch darauf hat, an den eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten gemessen zu werden, plädiert Petersen außerdem für eine Abschaffung der Ziffernnote. In seiner Schule führt er vor, daß Wortgutachten sehr viel besser geeignet sind, den SchülerInnen eine Rückmeldung über ihre individuellen Fortschritte und Versäumnisse zu geben.

Soziales Lernen

Von Peter Petersen können wir lernen, daß die Differenzierung innerhalb des Unterrichts der Persönlichkeit des einzelnen Kindes eher gerecht wird als ein noch so breites Angebot unterschiedlicher Schularten. Damit bleibt er den Generallinien der deutschen Reformpädagogik verbunden. Mehr als alle anderen aber beschäftigen ihn die sozialen Folgelasten einer Individualisierung des Lernens. Sensibler als andere nimmt er wahr, wie schnell sich Eigenständigkeit in Eigenbrötelei verwandelt und wie schnell aus Einzelkämpfern Einzelgänger werden. Seine historische Leistung war es deshalb, das Programm des eigenverantwortlichen Arbeitens durch das Prinzip des Sozialen Lernens ergänzt zu haben. Für Petersen ist der Schüler keine Lernmonade; er bleibt auch unter den Bedingungen der Differenzierung und Individualisierung ein soziales Wesen. Mit seiner starken Gewichtung des Gruppengeistes und der »Schulgemeinde« wird Petersen zum Vordenker eines pädagogischen Kommunitarismus, dessen Programm angesichts der aktuellen Scools-Out-Bewegung erst noch fortzuschreiben wäre.

Petersen weiß, daß das Projekt des Sozialen Lernens nach einer anderen Struktur der Schule und nach einer anderen Organisation des Unterrichts verlangt. In den Schulen, die nach den Prinzipien des Jenaplans arbeiten, sind deshalb jeweils drei Jahrgänge zu einer Stammgruppe zusammengefaßt. In einer solchen Stammgruppe gibt es keinen »Klassenletzten«, aber auch keinen »Primus«. In einer altersheterogenen Gruppe macht ein solches Ranking der SchülerInnen nach ihrem Leistungsstand keinen Sinn. Stattdessen entwickelt sich hier ein soziales Reizklima, in dem Solidarität oder Empathie gedeihen. Daß ältere und jüngere SchülerInnen miteinander und voneinander lernen, ist in den Jenaplan-Schulen selbstverständliche Praxis.

Handfeste Reformprojekte

Arbeit, Spiel, Gespräch, Feier: Für Peter Petersen sind das die Bausteine, mit denen sich ein Haus des Lernens errichten läßt. Das Gespräch ist für ihn dabei mehr als das hinlänglich bekannte Frage-Und-Antwort-Spiel, mit dem der Frontalunterricht zu einer interaktiven Veranstaltung gemacht werden soll. In der Pädagogik des Jenaplans gilt das Gespräch als der Ort, an dem die verstreuten Erfahrungen der SchülerInnen zusammengeführt und an dem ihre isolierten Erlebnisse integriert werden. Für Schulen, die nach den Prinzipien des Jenaplans arbeiten, beginnt die Woche deshalb mit einem Eingangskreis - und endet mit einer Wochenschlußfeier. Das aber ist nur in einem angemessenen Ambiente möglich. In der von Petersen konzipierten »Schulwohnstube« lassen sich Tische und Stühle in kurzer Zeit den unterschiedlichen Arbeits- und Gesprächsformen anpassen. Darüber hinaus sind die Klassenzimmer so eingerichtet, daß eine Rhythmisierung des Schulalltags in Einzel-, Gruppen- und Kreisphasen ohne größeren Aufwand möglich ist.

Für die Mitglieder der Jenaplan-Initiative Bayern ist Peter Petersen ein wichtiger Anreger - aber kein Religionsstifter. Sein Jenaplan ist für sie eine unverzichtbare Fundgrube innovativer Ideen - aber alles andere als eine Heilige Schrift. Weil ihnen alles Sektiererische abgeht und weil ihnen jeder Personenkult fremd ist, steht für sie das Werk vor dem Autor. In einem Selbstporträt der Jenaplan-Initiative Bayern beschreibt es diese als ihr Ziel, »die Erziehungs- und Unterrichtspraxis an unseren Schulen zu verbessern. Dabei werden die grundlegenden Positionen des Jenaplans als Orientierung verwendet. Wir versuchen, diese ständig zu aktualisieren und ihre Effizienz in der Praxis zu überprüfen.«

Das klingt noch ziemlich allgemein. Wer aber einmal im »Kinderleben«, der Zeitschrift der Initiative, geblättert oder an einem ihrer Symposien teilgenommen hat, der weiß: Hier geht es nicht um unverbindliche Allgemeinplätze, sondern um sehr handfeste Reformprojekte. Hier wird gezeigt, wie aus dem Stundenplan einer Grundschulklasse ein Wochenarbeitsplan werden kann. Oder hier kann man sich Anregungen holen, wie eine Wochenabschlußfeier von den SchülerInnen in eigener Regie gestaltet werden kann. Gemeinsam ist den Mitstreiterinnen und Mitstreitern der Jeneplan-Initiative eben nicht nur die Liebe zum Kind, sondern auch das Interesse an der Praxis.

Jena ist überall möglich

Sich gegenseitig informieren und voneinander lernen - das steht für die Jenaplan-Initiative im Vordergrund ihrer Arbeit. Sie richtet überregionale und regionale Fortbildungen aus, organisiert Hospitationen und ist an den Hochschulen aktiv. Eine Jenaplan-Bibliothek ist derzeit im Aufbau. Über ein internationales Netzwerk der Jenaplan-Pädagogik haben die Bayern außerdem Kontakt zu den niederländischen Nachfolgern des Peter Petersen. Hier gibt es bereits über 200 Schulen, die nach den Prinzipien des Jenaplans arbeiten. Und auch in Nordrhein-Westfalen und Thüringen sind solche Schulen bereits zu besichtigen. Jena ist eben überall möglich.

Weil sich die pädagogische Praxis des Jenaplans immer wieder an den rigiden Auflagen des Bayerischen Schulrechts stößt, nimmt die Initiative für sich auch ein bildungspolitisches Mandat in Anspruch. So streitet sie dafür, daß endlich auch in Bayern jahrgangsübergreifende Klassen gebildet werden können. Und sie drängt darauf, daß die Gründung reformpädagogischer Schulen nicht länger durch rechtliche und administrative Restriktionen behindert wird.

Hier decken sich die Interessen der Jenaplan-Initiative mit den Anliegen der GEW. Eine Zusammenarbeit im Forum Bildungspolitik oder im Rahmen regionaler Bündnisse ist gut angelaufen und sollte schon aufgrund des gemeinsamen Leidensdrucks weitergeführt werden. Wenn deshalb irgendwann auch in Bayern die erste Peter-Petersen-Schule gegründet wird - dann wäre das auch für die GEW Signal eines bildungspolitischen und pädagogischen Aufbruchs.

Von Jonas Lanig (DDS 9-10/1998) mit freundlicher Genehmigung der GEW Bayern.