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Frau Doktor Courage und ihre Kinder
Montessori-Pädagogik in Bayern.
Zu Maria Montessori scheint alles gesagt. Die einen verehren sie als Ikone einer humanistischen Pädagogik, andere sehen in ihr die Vorkämpferin einer klientenzentrierten Psychiatrie, wieder andere würdigen sie vor allem als couragierte Frau in einer männerdominierten Gesellschaft. Hier muß an keine Persönlichkeit erinnert werden, die man zu Unrecht vergessen hätte. Und hier geht es nicht um eine Prophetin, deren einsames Rufen ohne Echo geblieben wäre.

Sich auf die 1870 geborene Italienerin zu berufen - das gehört auch in der bayerischen Schullandschaft längst zum guten Ton: Zahlreiche Verlage bieten Spiele und Karteien für ein materialgeleitetes Lernen an. In vielen Grundschulen ist die Freiarbeit fest im Stundenplan verankert. Und so mancher Schulrat unterstreicht seine Belesenheit mit einer Anleihe aus dem Zitatenschatz der großen Pädagogin: »Hilf mir, es selbst zu tun!« - die Akzeptanz der Maria Montessori erscheint ebenso weitverbreitet wie selbstverständlich. Und nur dem skeptischen Beobachter mag da noch auffallen, daß keine öffentliche Schule in unserem Bundesland ihren Namen trägt.

Das Werk der ersten »Dottoressa« ihres Landes aber ist kein Sammelsurium pädagogischer Nettigkeiten. Hier ist eine Frau Doktor Courage zu entdecken, die ihr Anliegen mit aller Radikalität formulierte und mit aller Konsequenz vertrat. Sie war eine Radikale im Dienst am Kind. Und das könnte ein Grund dafür sein, daß sie heute mehr zitiert als gelesen wird, daß sich viele auf sie berufen, ihr aber nur wenige nachfolgen wollen.

Das Kind wird zum Subjekt

Kinder zu belehren, zu unterweisen, zu erziehen - darin erschöpfte sich das Selbstverständnis der Pädagogik gegen Endes des 19. Jahrhunderts. In ihrer Ideologie kamen Kinder nur als Zöglinge vor, und in ihrer Sprache verkümmerten sie zu Objekten. Schon ein erster Blick in die Trostlosigkeit der Klassenzimmer scheint diesen Befund zu bestätigen: »Da sitzt nun das Kind in seiner Bank, ständig gestrengen Blicken ausgesetzt, die zwei Füßchen und zwei Händchen dazu nötigen, ganz unbewegt zu bleiben, so wie die Nägel den Leib Christi an die Starrheit des Kreuzes zwangen«.

Als praktizierende Katholikin aber hatte Maria Montessori eine andere Vorstellung von der Nachfolge des Gekreuzigten. In ihrer pädagogischen Anthropologie erscheinen Kinder als Ebenbilder Gottes, die ernstgenommen und die respektiert werden wollen. Ihr Anliegen war es deshalb, die Pädagogik auf eine neue Syntax zu verpflichten: Bei Maria Montessori wird das Kind erstmals zum Subjekt. Und genauso, wie das Wachstum eines Kindes keiner Anleitung durch die Erwachsenen bedarf, sollte die Entwicklung der Persönlichkeit ohne solche Eingriffe stattfinden. Das Lernen wird damit zu einem Vorgang, der vom Kind auszugehen hat. Den Erwachsenen bleibt nicht viel mehr, als diesen Prozeß anzustoßen und zu begleiten - nicht als Dompteur, sondern allenfalls als Arrangeur. Hier ist ein pädagogischer Ansatz skizziert, dessen Radikalität weit über den Alltag unserer Kindergärten und Schulen hinausweist.

Pädagogik ist unteilbar

In der bayerischen Bildungslandschaft gilt die hochbegabte Gymnasiastin mit der akademischen Ahnentafel und den überdurchschnittlichen TIMSS-Werten immer noch als Maß aller Dinge. An diesem Paradigma hat sich die Tauglichkeit jeder Bildungspolitik zu erweisen. Für Maria Montessori aber war das behinderte Kind der Maßstab. An ihrer Arbeit mit behinderten Kindern im römischen »Casa dei bambibi« entwickelte sie die Grundzüge ihres pädagogischen Denkens. Und an diesen Objekten einer öffentlich organisierten Verwahrlosung schulte sie ihren Blick für die enormen Potentiale, die in jedem Kind stecken. Da sind die Kinder, die aus ihrer kärglichen Brotration Tierfiguren und geometrische Körper formen. Da ist das behinderte Mädchen, das Bauklötze zu einem Turm aufeinanderschichtet und dabei ebenso konzentriert wie ausdauernd mit den Tükken der Statik zu kämpfen hat. An ihrem Beispiel hat Maria Montessori die »Polarisation der Aufmerksamkeit« als didaktisches Grundprinzip beschrieben - ein Prinzip, das sie ganz selbstverständlich für alle Kinder in Anspruch genommen hat. Auch für Kinder mit einen Handecap wollte sie keinen Sonderweg akzeptieren, die Unteilbarkeit der Pädagogik war für sie selbstverständlich. Deshalb war es auch nur folgerichtig, daß die erste bayerische Schule in der Nachfolge Maria Montessoris eine integrierte Schule war. In der von Professor Hellbrügge 1969 gegründeten Schule lernen auch heute noch behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam.

Freiarbeit statt Gleichschritt

Für die schulische Erziehung wurden meistens hehre Ziele formuliert. Ihre objektiven Zwecke aber waren eher pragmatischer Natur. So diente Schule lange Zeit als Zulieferbetrieb des Militärs, bis sie später zum Trainingslager einer aufstrebenden Industrie wurde. Manche solcher Traditionen wirken bis heute nach: Die 45-Minuten-Stunde zwingt den SchülerInnen ein einheitliches Lerntempo auf. Das Schulbuch diktiert eine starre Chronologie der Lernschritte. Und die gängigen Unterrichtsmethoden folgen dem Prinzip: Alle tun das gleiche. Demgegenüber hatte Maria Montessori schon frühzeitig erkannt, daß ein solches Lernen im Gleichschritt dem einzelnen Kind nicht gerecht wird. In ihrem Bemühen, den Kindern ihre Würde zurückzugeben, entwickelte sie das Prinzip der Freiarbeit: Hier ist der Unterricht so organisiert, daß die Kinder selbst zu entscheiden haben, was sie wann, wie lange und mit wem lernen wollen. Freiarbeit ist für Maria Montessori kein Pausenhupferl nach den Strapazen des Frontalunterrichts und auch keine Umetikettierung der bekannten Stillarbeit. Freiarbeit bedeutet für sie eine radikale Neuorientierung schulischen Lernens.

Erlebnisse im Raum

Mit ihrem Appell an die Lehrkräfte und ErzieherInnen, sich selbst zurückzunehmen und die Autonomie der Kinder zu respektieren, hat Maria Montessori den Blick auf das Lernumfeld freigegeben. Dieses Umfeld kann der Neugierde der Kinder Nahrung geben - oder sie verhungern lassen. Es kann ihre Aktivität herausfordern - oder sie auflaufen lassen. Manche sehen die Schule schon auf dem besten Weg, zu einem Haus des Lernens zu werden. Aber viele Schulhäuser präsentieren sich eher als trostlose Lernbehälter, in denen die Kinder von Beton, Asphalt und Resopal ausgebremst werden. Im Klassenzimmer der Maria Montessori dagegen dominiert das Prinzip der Heterogenität: Tische zum Arbeiten stehen hier neben Ecken zum Sitzen und Kuscheln. Regale mit Büchern und Lernmaterialien gehören ebenso zur Ausstattung wie Bastel- und Lernkisten. Auch an Bayerns Schulen ist aus vielen Klassenzimmern ein attraktives und aktivierendes Lernumfeld geworden. Die offiziellen Schulraumrichtlinien aber haben das bisher nicht zur Kenntnis genommen. Und dem bayerischen Kultusminister fällt zu einem solchen Tischerücken im Klassenzimmer auch nicht mehr ein als die ebenso vertraute wie überflüssige Warnung, Bayerns Schulen dürften nicht zu »reinen Spiel- und Spaßschulen« werden.

Didaktisches Material

Maria Montessori vertraut dem Erlebnischarakter des Raumes. Und sie setzt auf den Aufforderungscharakter der Materials. Die von ihr entwickelten Lernmaterialien sollen dem Kind helfen, sich selbständig eine Sache zu erarbeiten. So kann ihm ein Baukasten mit geometrischen Körpern helfen, etwas über die innere Struktur dieser Körper zu erfahren. Und die Arbeit mit Geräuschdosen vermitteln ihm die Erkenntnis, daß jeder Gegenstand eine spezifische Klangfarbe hat.

Gemeinsam ist solchen Materialien, daß sich ein Kind damit über eine lange Zeitspanne beschäftigen kann - ohne das Motivation und Konzentration darunter zu leiden hätten. Und gemeinsam ist ihnen, daß ein Kind an ihnen Erfolg oder Mißerfolg ablesen kann - ohne damit die Lehrkraft zu behelligen. Ob die Buchstaben aus Sandpapier, der Schleifenrahmen oder der Steckkasten - auch an Bayerns Schulen arbeiten viele SchülerInnen mit Materialien aus der didaktischen Werkstatt Maria Montessoris. Das Material allein aber verändert den Unterricht nicht. Erst die dazugehörige Philosophie läßt die Kinder zu Subjekten schulischen Lernens werden. Und die wird an Bayerns Schulen gerne tiefer gehängt.

Reformpädagogik für alle!

Ein bißchen Montessori gibt es nicht. Wer den Versuch macht, ihren im Kern radikalen Ansatz zu verwässern oder ihn auch nur in einer Light-Version anzubieten, wird dieser Frontfrau der Reformpädagogik nicht gerecht. Wer diesen Ansatz aber ernstnimmt und ihn an einer bayerischen Schule umsetzen möchte, der wird rasch an die Grenzen eines starren Bildungssystems stoßen. So gilt in Bayern immer noch das Dogma, wonach es allen Schülern einer Klasse möglich sein muß, dieselben Lernziele zu erreichen. Mit der von Maria Montessori vehement vertretenen Individualisierung des Lernens aber ist das nicht zu vereinbaren. Auch ihr Plädoyer für die Einführung jahrgangsübergreifender Klassen wäre mit den Bestimmungen der geltenden Schulgesetze nicht kompatibel. Ihr Anspruch schließlich, die Freiarbeit in einem Umfang von bis zu 15 Wochenstunden abzusichern, wäre den Schulleitungen und der Schulaufsicht sicherlich nicht zu vermitteln. Es scheint auch hier die Politik des Kultusministeriums zu sein, der Reformpädagogik allenfalls eine Nischenexistenz zuzugestehen, ihren Einfluß auf das öffentliche Schulwesen aber von vorneherein zu unterbinden. Da paßt es nur allzu gut ins Bild, wenn inzwischen auch der Bildungsminister aus dem fernen Bonn dazu auffordert, den Schulen »ihre reformpädagogischen Marotten auszutreiben«.

Während in anderen Bundesländern auch öffentliche Schulen nach dem pädagogischen Programm der Maria Montessori arbeiten, geschieht dies in Bayern nur in den Reservaten des privaten Schulwesens. Inzwischen organisiert der Montessori-Landesverband Bayern 35 Schulen, 46 Kindergärten und 100 Vereine und Initiativen. Der Landesverband hat eine feste Geschäftsstelle. Er unterstützt lokale Initiativen bei der Gründung neuer Einrichtungen und meldet seine Ansprüche in der bildungspolitischen Diskussion an. In diesem Zusammenhang sind die bayerische GEW und der Montessori-Verband inzwischen zu verläßlichen Partnern geworden. Diese Partnerschaft hat sich beim Volksbegehren »Bessere Schulen« ebenso bewährt wie im Forum Bildungspolitik. Jetzt wäre es eigentlich an der Zeit, solche Kontakte auf lokaler Basis fortzusetzen.

Von Jonas Lanig (DDS 7-8/1998) mit freundlicher Genehmigung der GEW Bayern.