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Was ist Freinet-Pädagogik?
...Zum Schluß noch mal ein Versuch, zusammenzustellen, was ich unter Freinet-Pädagogik verstehe. Freinet hatte nie den Anspruch, eine Pädagogik begründet zu haben. Er hat, wie viele andere Reformpädagogen in den 20er Jahren auch, sich bei Kolleginnen und Kollegen umgesehen und für sich das verwendet, was er brauchen konnte. Der folgende Versuch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, es würde mich freuen, wenn er hilfreich wäre.
  1. Freinet ging davon aus, daß die Kinder lernen wollen! Er geht davon aus, daß es eine Natürliche Methode des Lernens gibt, mit der die Kinder lernen. Wenn ich die Lernunlust der Kinder vermeiden will, muß ich meinen Unterricht ändern. Ich darf das Lernen der Kinder nicht verhindern. Dazu muß ich meinen Unterricht verändern. Das geht nur, wenn wir Lehrer auch bereit sind, uns zu verändern.
     
  2. Wir müssen deshalb untersuchen, wo die Interessen der Kinder liegen, damit wir in der Lage sind, "ihnen das Wort zu geben". Wenn sie nach ihren Interessen und Fähigkeiten arbeiten können, sind sie sehr bereit und fähig, den meisten Unterricht selbständig zu gestalten.
     
  3. Der Lehrer, die Lehrerin ist dabei vor allem als Hilfe da, nicht als Leiter und Denker. Dafür müssen die LehrerInnen ihren Kopf frei machen für die Interessen der Kinder, dann können sie diese auch berücksichtigen. Der Lehrer wird zum Lernenden, andere Interaktionsformen werden möglich. Der Lehrer ist für den Rahmen verantwortlich, läßt aber Raum, daß die Kinder das Wort ergreifen können.
     
  4. Dazu gehört das Forschen und Entdecken der Kinder. Der Lehrer weiß nicht alles besser, er ermöglicht es den Kindern, eigene Erfahrungen zu machen und diese anderen zu vermitteln.
     
  5. Der Morgenkreis, Klassenrat o.ä. ermöglicht die Findung von Themen und deren Vorstellung vor der ganzen Klasse.
     
  6. Entdeckungen, Arbeitsergebnisse werden anderen mitgeteilt. Dies kann auch geschehen über Wandzeitungen, Klassen- oder Schulzeitungen, Druckereierzeugnisse aus der Schuldruckerei.
     
  7. Zur Unterstützung der Arbeit dienen Lexika, Bücher und Arbeitskarteien, die entweder von Schülern selbst angelegt werden oder im Handel erhältlich sind. Viele Karteien sind auch einfach vom Lehrer herzustellen.
     
  8. Festgelegt werden die Arbeiten im Klassenrat. Festgehalten werden sie im Wochenplan, den jeder Schüler am Anfang der Woche für sich gestaltet. Der Wochenplan ist nach seiner Fertigstellung Pflicht.
     
  9. Die SchülerInnnen arbeiten allein oder in Gruppen. Dies wird durch die Arbeitsinhalte bestimmt. Bestimmte Arbeiten an Projekten können auch länger dauern. Zwischenberichte werden im Klassenrat gegeben. Der Lehrer ist als Ansprechpartner für Probleme vorhanden.
     
  10. Lehrpläne setzen der Freien Arbeit Grenzen, da bestimmte Themen Pflicht sind. Gleichzeitig geben die Lehrpläne Anstöße für die Themen der zu bearbeitenden Projekte.
     
  11. Bestimmte Inhalte müssen gelernt werden (z.B. Mathematik...) Als Hilfsmittel dazu dienen u.a. Schulbücher, Arbeitskarteien. Wir unterscheiden dabei Freiarbeit, bei der die Kinder sich wirklich frei ihr Arbeitsthema auswählen und das oft damit verwechselte "Freie Üben", bei dem die Kinder aus bestimmten Arbeitsvorgaben ihr Lerntempo und die Arbeitseinteilung bestimmen können.
     
  12. Bestimmte Fächer werden in Epochen unterrichtet, um nicht bis zur nächsten Unterrichtsstunde eine Woche warten zu müssen. So werden aus den Fächern Biologie, Erdkunde, Geschichte, GK etc. Einheiten, in denen in einer Woche etwa 5 Stunden an einem Thema gearbeitet werden kann. Die Arbeitsergebnisse sind überzeugend.
     
  13. Lernen findet statt an direkt vermittelten Erfahrungen, es wird nicht didaktisch aufbereitet.
     
  14. Das Lernen ist an den Bedürfnissen der SchülerInnen orientiert, wie auch an den Bedürfnissen des Lehrers.
     
  15. Freinet ging davon aus, daß die Klasse als Kooperative zu organisieren sei. Pädagogische Materialien dienen dabei als Hilfsmittel.

Dies alles ist keine Utopie. Seit etwa 10 Jahren befasse ich mich mit Freinet-Pädagogik, vor allem in der Hauptschule (Kl.5-9), mit stetig steigendem Erfolg. Dies alles auszuführen würde allerdings den Rahmen sprengen. Ich habe mit kleinen Schritten und einzelnen Elementen, wie dem "Freien Text" (kein Aufsatz), angefangen und immer mehr Teile hinzugenommen. Kleine Schritte sind besser als ein Sturzflug in die Resignation. Viel Spaß und Erfolg.

Woran erkennt man eine Freinet-Klasse?

Der nachfolgende Artikel erschien zunächst in der belgischen Freinet-Zeitung `éducation populaire`, 4, Jan.1990 und nach einer Übersetzung von Margret Weiler in der Zeitschrift Fragen und Versuche, Heft 53, Mit freundlicher Genehmigung der Freinet-Kooperative e.V., Bundesverband von Freinet-PädagogInnen in Deutschland, Goebenstr.8, 28209 Bremen, Tel. 0421/344929 Fax 3478556

Die ideale Freinet-Klasse gibt es nicht und es ist nicht unser Ziel zu definieren, was eine solche Klasse sein könnte.

Es gibt nur Klassen auf dem Weg zur Freinet-Pädagogik, mit allem, was das an Zweifeln, Erfolgen, Mißerfolgen, Fragen und Infragestellen mit sich bringt. Dennoch wäre es inkonsequent zu behaupten, eine Freinet-Klasse oder eine Klasse auf dem richtigen Weg es zu werden, sei nicht von einem aufmerksamen Auge zu erkennen.

Der Lehrer, der sich entschließt, eine oder mehrere Freinet-Techniken in seiner Klasse einzuführen, stellt sehr schnell fest, dass jede dieser Techniken nicht nur zum schrittweisen Aufbau eines neuen Klimas in seiner Gruppe führt, sondern auch, daß diese neuen Techniken mit anderen, vorher eingeführten Methoden in Wechselwirkung treten. Die Förderung des freien Textes wird wenn der Lehrer konsequent ist bald begleitet von der Einführung der Klassenkorrespondenz und der Schulzeitung, die wiederum zur Schöpfung freier Texte motivieren.

Kann man sagen, daß ein Lehrer, der nur eine einzige Freinet-Technik anwendet, z.B. die Klassenkorrespondenz, sich damit rühmen kann, " Freinet zu machen"?

Das erscheint uns mißbräuchlich und gefährlich. Wir glauben im Gegenteil, daß das erst der Fall ist, wenn er mehrere Strukturen eingerichtet hat und neue Arbeitsweisen eingeführt hat. Dadurch verändert sich die Klasse, so daß bald weder die Eltern noch die Kinder noch er selbst sie wiedererkennen werden. Dieser kritische Moment, in dem die Klasse "umkippt" wenn man so sagen will in die Freinet-Pädagogik, ist schwer zu bestimmen: das Charisma des Lehrers erlaubt es manchmal, in bestimmten Klassen Mängel in bestimmten Bereichen zu verschleiern, während es in anderer Umgebung wirkungslos bleibt.

Aber bleiben wir pragmatisch, gehen wir in eine Klasse hinein und suchen nach beobachtbaren Kriterien, um zu bestimmen, ob diese Klasse sich auf der Schiene der Freinet-Pädagogik befindet oder nicht.

Diese verschiedenen Kriterien werden hier in nichthierarchisierter Reihenfolge vorgestellt:

  • In dieser Klasse existieren kollektive und individuelle Projekte. Die Kinder und der Lehrer versuchen, Fragen zu beantworten, sei es in der großen Gruppe, sei es in kleinen Gruppen; jedes Kind hat außerdem die Möglichkeit, allein in Bereichen zu arbeiten, in denen es sich am wohlsten fühlt und die es interessieren. Zwischen den kollektiven und individuellen Aktivitäten gibt es ein Gleichgewicht. Die Kinder haben Gelegenheit, sich sowohl an den Schwierigkeiten der Einzel- bzw. der Gruppenarbeit zu reiben als auch jeweils deren Vor- und Nachteile kennenzulernen und angesichts einer bestimmten beabsichtigten Arbeit abzuwägen, welche der beiden Arbeitsformen angemessen ist. Bestimmte Lernstoffe sind individualisiert, die Klasse verfügt über Werkzeuge wie Arbeitskarteien und Hefte mit Selbstkorrektur, die es den Kindern erlauben, eine gewisse Autonomie zu erreichen gegenüber dem Lehrer und auch der Materie.
     
  • Die Organisation der Arbeit geschieht gemeinsam mit den Kindern. Es gibt je nach Alter Tages-, Wochen-, Monats- und Jahrespläne. Die Kinder haben einen Arbeitsplan für den Tag, die Woche oder für zwei Wochen, der es ihnen ermöglicht, ihre Arbeit individuell zu planen und sich darüber mit Hilfe des Lehrers regelmäßig Rechenschaft abzulegen.
     
  • Der Lehrer hat Strukturen geschaffen, die die Kooperation der Kinder mehr als den Wettbewerb fördern: im Rahmen des Möglichen versucht er unnötige Vergleiche zu vermeiden, er verzichtet auf Bewertungen und Noten. Zeugnisse werden vorteilhaft ersetzt durch viel genauer geschriebene Beurteilungen und durch die Rechenschaftsberichte der Arbeitspläne.
     
  • Die Kinder haben eine gewisse Macht in der Klasse. Sie können unabhängig von Schulstunden, die nicht von der Schule vorgeschrieben werden, agieren; sie können Aktivitäten, Verbesserungen und Veränderungen vorschlagen; sie können zwischen mehreren Möglichkeiten, die ihnen vom Lehrer vorgeschlagen werden, wählen; sie haben Gelegenheit, über ihre Beziehungen mit anderen oder mit dem Lehrer zu diskutieren. Alles dies findet während der Klassenversammlung statt. (Einmal in der Woche oder als Klassenkonferenz am Wochenanfang bzw. alle 14 Tage, oder Klassenkonferenz und Bilanz am Ende einer Periode, tägliche Klassenkonferenz bei den Kleinen.) Die Klassenkonferenz ist institutionalisiert und die Kinder wissen, daß sie der Ort ist, wo sie wichtige Entscheidungen fällen, die die Klasse betreffen. Sie wird von der Gruppe verwaltet und der Lehrer bemüht sich, den Kindern mehr und mehr die Möglichkeit zu geben, sie zu leiten und das Protokoll zu führen.
     
  • Die Klasse gibt eine Klassenzeitung (Schulzeitung) heraus, in der die Kinder ihre Freien Texte erscheinen lassen, die Ergebnisse ihrer Untersuchungen und Recherchen vorstellen, ihre Erfahrungsberichte und ihre Fragen mitteilen, kurz alles, was das Leben in der Klasse betrifft. In dieser Zeitung erscheinen nur eigenständige Schöpfungen (Texte, Bilder, Spiele usw.), außer wenn es sich um zitierte Dokumente handelt oder beispielhaft angeführte Werke oder Gedanken.
     
  • Die Klasse ist offen nach außen. Sie korrespondiert mit anderen Klassen oder Personen. Sie geht heraus und besucht Ausstellungen, Künstler, Fabriken und lädt Personen zu sich ein (Kontakt zu Menschen, die eine Lebenserfahrung haben, die sie mit den Kindern teilen können).
     
  • Der Lehrer entwickelt in der Klasse den Forschergeist. Er fördert die kollektive Forschung in der Gruppe genauso wie die persönliche Recherche: die Kinder stellen ihre Ergebnisse in kleinen Konferenzen vor. Sie verfügen über eine Dokumentationsbibliothek, sei es innerhalb der Schule, sei es in der Klasse selbst. Im letzten Fall entscheiden sie mit darüber, wie diese Dokumentation klassifiziert wird. Ziel ist es, Fragen zu beantworten, die sich in allen Bereichen stellen. Es wird hiermit das abgedeckt, was man gemeinhin unter Geschichte, Geografie, Naturwissenschaften versteht, aber ebenso können Bereiche wie Moral, Philosophie, soziale Initiativen betroffen sein.
     
  • Der Lehrer fördert den freien Ausdruck. Dieser fällt nicht von einem Tag auf den anderen vom Himmel, er muß ihn unterstützen, indem er das wertet, was im Ausdruck der Kinder wirklich `frei` ist und nicht die Reproduktion existierender Stereotypen. Dieser Ausdruck ist zwangsläufig dem Blick der Erwachsenen (der Erwachsenen in der Schule) und der Kinder ausgesetzt. Der Lehrer hilft dem Kind, sich nach und nach von seinen Ketten zu befreien und sich echt auszudrücken durch das Bild, durch Schreiben, durch Tanz und Körperausdruck, Theater, Musik usw. Ein besonderer Platz wird dem tastenden Versuchen eingeräumt. Bei allen Aktivitäten respektiert der Lehrer die Initiativen der Kinder und schätzt die Untersuchung außerhalb eingetretener Pfade. Das tastende Versuchen ist ein allgemeines Lebensgesetz und hat aus diesem Grunde in der Klasse Bürgerrecht.

Von Heini Witte-Löffler, Sek.I Lehrer, Mitglied der Päd.Koop. seit vielen Jahren, aktiv u.a. in einer Lernwerkstatt. Mit freundlicher Genehmigung der Freinet-Kooperative e.V., Bundesverband von Freinet-PädagogInnen in Deutschland, Goebenstr.8, 28209 Bremen, Tel. 0421/344929 Fax 3478556