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Baustelle für ein Haus des Lernens
Freinet-Pädagogik in Bayern.

Auf den ersten Blick präsentiert sich die Schule als ein Schauplatz kollektiver Aufgedrehtheit. Für manche Lehrkräfte kann sie aber auch zu einem sehr einsamen Ort werden. Das gilt vor allem für jene, die sich eine Veränderung der Schule vorgenommen haben und dieses Projekt unbeeindruckt von allen Rückschlägen und Enttäuschungen betreiben. Solche Überzeugungstäter werden oft zu Einzelgängern. Dabei sind gerade sie darauf angewiesen, sich mit anderen auszutauschen, ihre pädagogischen Erfahrungen zu reflektieren und gemeinsame Projekte zu entwickeln.

Schulreform als offenes Ideentableau

Die Modernisierung des Lernens darf nicht mit einer Monadisierung der Lehrkräfte erkauft werden. Das ist die Philosophie einer inzwischen weltweiten Bewegung, die sich auf den französischen Reformpädagogen Celestin Freinet (1896-1966) beruft. Obwohl er immer wieder in einem Atemzug mit Maria Montessori, Rudolf Steiner oder Peter Petersen genannt wird, nimmt Freinet in der Geschichte der Reformpädagogik doch eine Sonderrolle ein. Anders als Steiner entwirft Celestin Freinet kein geschlossenes Denkgebäude, sondern ein offenes Ideentableau, in dem sich jeder bedienen und anstiften lassen kann. Hier ist kein Lehrmeister, der eine verschworene Gemeinde gläubiger Jünger um sich versammelt hätte. Hier ist ein nachdenklicher Praktiker, dem man sich annähern und von dem man sich auch wieder entfernen kann. Anders als Maria Montessori sind die Vorschläge Freinets für eine Veränderung des Lernens auf die Situation der Regelschule zugeschnitten. Man wird deshalb auch nirgendwo eine »Freinet-Schule« finden, wohl aber sehr viele Schulen, in denen einzelne Lehrkräfte die Ideen Freinets im pädagogischen Alltag umsetzen. Von Peter Petersen schließlich, dem Pendler und Wanderer zwischen den Systemen, unterscheidet sich Freinet durch seine kerzengerade politische Haltung. Er fühlte sich seit dem 1. Weltkrieg der politischen Linken zugehörig und schloß sich schon bald der Gewerkschaftsbewegung an. Seine Biographie integriert die Erfahrung eines streitbaren Pädagogen und das Engagement eines überzeugten Linken. An seine Entlassung aus dem Schuldienst muß in diesem Zusammenhang ebenso erinnert werden wie an seine Rolle als Mentor der Bildungsreform im republikanischen Spanien.

Lernen ist ein selbstbestimmter Prozeß

In den 20er Jahren war auch in Frankreich der Unterricht noch weitgehend dem Paradigma der Paukschule verhaftet. Zuhören, Lesen und Stillsitzen markierten das didaktische Dreieck einer lebensfremden und kinderfeindlichen Erziehungsideologie. Vor diesem Hintergrund entwickelte Freinet sein Programm für eine moderne Schule. Sie sollte den Kindern zurückgeben, was ihnen die öffentliche Schule systematisch abtrainiert hatte. So ist Lernen für Freinet nur als ein selbstbestimmter Prozeß denkbar: Die Kinder haben keine vorgegebenen Inhalte zu bearbeiten, sondern ihren eigenen Fragen und Themen nachzugehen. Sie nehmen im Unterricht eine aktive Rolle ein und dürfen nicht nur mit reproduzierenden Tätigkeiten abgespeist werden. Auch in der Schule darf das Lernen nicht zur Monokultur des Kognitiven verkümmern, sondern muß Lernen mit allen Sinnen sein. Schließlich ist Lernen für Freinet immer ein sinnhafter Prozeß; ein Lernen um des Lernens willen sollte weder den Lehrkräften noch den SchülerInnen zugemutet werden. Unter solchen Vorzeichen ist Schule nicht mehr als eine »Anstalt«, ja nicht einmal als ein fertiges »Haus des Lernens« vorstellbar. Für Celestin Freinet wird sie zur »Baustelle«. Hier »wird das Kind nie müde sein zu suchen, zu verwirklichen, zu experimentieren, kennenzulernen und konzentriert, ernsthaft, überlegt und menschlich höherzusteigen.« Die Einsichten Freinets mögen heute manchem banal anmuten. Umso mehr sollte es uns zu denken geben, daß sich solche vermeintlichen Banalitäten im Schulalltag immer noch nicht durchgesetzt haben. Ein »Schulkampf«, wie ihn Freinet 1923 in einem französischen Dorf zu bestehen hatte, wäre auch im Bayern des Jahres 1999 noch denkbar.

Freinet hat manches Kluge gesagt. Zum Vorbild für viele Generationen neugieriger und reformwilliger Lehrkräfte aber wurde er weniger durch ein neues Denken als durch eine andere Praxis. Nur weil er Schule vor-gemacht hat, hat er Schule machen können. Es lohnt sich deshalb auch eher, auf seine praktischen Projekte zu verweisen, als aus seinen Schriften zu zitieren. Ein solches herausragendes Projekt ist die Arbeit mit der Klassendruckerei: Hier produzieren die Kinder kleine Texte, die sich beliebig oft vervielfältigen lassen. Diese Texte sind »freie Texte«; sie folgen also nicht irgendwelchen vorgegebenen Themen, sondern orientieren sich ausschließlich an der Erlebnis- und Erfahrungswelt der Kinder. Weil die Kinder einzelne Lettern zu Wörtern, Sätzen und Texten zusammenfügen, sind sie selber aktiv. Die Arbeit mit dem Setzkasten und der Druckerpresse ist darüber hinaus eine sinnliche Erfahrung. Und weil die selbstproduzierten Texte schließlich über eine »Klassenzeitung« für die Korrespondenz mit anderen Schulen bestimmt sind, wird für die Kinder der Sinn ihrer Arbeit auch nachvollziehbar.

Lernen als Parcours der Entdeckung

Das besondere Profil der Freinet-Pädagogik läßt sich deshalb auch am ehesten an solchen konkreten Unterrichtsprojekten nachzeichnen. Eine besondere Rolle spielt dabei z.B. die Aufteilung des Klassenzimmers in unterschiedliche »Ateliers« - also in Arbeits-, Lern- und Experimentierstationen. Hier kann der Unterricht zu einem Parcours des entdeckenden Lernens werden, in dem sich die Kinder von ihrer naturwüchsigen Freude am Forschen und Experimentieren leiten lassen. In einer »Arbeitsbücherei« können solche Erfahrungen systematisiert werden: Hier können sich die Kinder eine Nachschlagekartei oder ein Lernprogramm ausleihen, hier können sie in Versuchsbeschreibungen oder in Exkursions-Alben blättern.

In einem Arbeitsplan wird für alle Kinder ein verbindliches Wochenpensum festgelegt und auf einer Wandzeitung das Klassenleben in Wort und Bild dokumentiert. Schließlich ist auch das Zusammenleben in der Klasse demokratisch organisiert: Ein regelmäßig tagender Klassenrat läßt die Kinder Probleme gemeinsam lösen und ihre Aktivitäten gemeinsam planen. Was in den 20er Jahren in einem französischen Bauerndorf begann, ist längst zu einer einflußreichen Bewegung geworden. Allein in Frankreich bekennen sich heute über 30.000 Lehrkräfte zu einer Pädagogik im Sinne Freinets. Und auch in der Bundesrepublik verfügt die Freinet-Pädagogik seit 1976 über ein festes Netzwerk: die »Pädagogik-Kooperative e.V.« Am Anfang der Bewegung standen weniger hehre Ziele als vielmehr ganz pragmatische Interessen: Lehrkräfte, die im Unterricht mit der Schuldruckerei beginnen wollten, schlossen sich zusammen, um die Herstellung und den Vertrieb von Handdruckpressen genossenschaftlich zu organisieren. 1948 konstuierte sich deshalb die CEL, ein Materialvertrieb für Lehrkräfte, die im Sinne Freinets arbeiten. Sie kooperiert heute eng mit der FINEM, dem weltweiten Zusammenschluß der Freinet-PädagogInnen. Solche Zusammenschlüsse helfen innovativen Lehrkräften, ihre unfreiwillige Isolation aufzubrechen und ihre Erfahrungen mit anderen auszutauschen. Das ist ganz im Sinne Freinets, der der pädagogischen Avantgarde in den Schulhäusern empfahl, sich als Kooperative zu organisieren. Die Kooperative ist für ihn dabei freilich kein Zwangskollektiv, sondern ein freiwilliger Zusammenschluß von Gleichgesinnten.

Veränderung ist möglich

Für Freinet kann jede und jeder mit einer Veränderung des Unterrichts beginnen - unabhängig davon, an welcher Schulart frau/man arbeitet, welches Fach frau/man unterrichtet und welches pädagogische Temperament ihr/ihm eigen ist. Und diese Veränderung ist nicht von bestimmten Rahmenbedingungen abhängig. Auch eine rückwärtsgewandte Bildungspolitik taugt deshalb nicht als Ausrede. Und auch die bayerischen Verhältnisse rechtfertigen keine Pädagogik wider besseres Wissen. Das kann der Grund dafür sein, daß die Freinet-Pädagogik auch in Bayern über einen treuen Anhang verfügt. Dreimal im Jahr macht sich dieser Anhang zum bayernweiten Treffen der Freinet-PädagogInnen auf, das sich längst den Ruf eines reformpädagogischen Woodstock erworben hat. Im Mittelpunkt solcher Treffen stehen jeweils Workshops, in denen einzelne KollegInnen Beispiele aus der Schulpraxis vorstellen - von der Arbeit eines Klassenrats bis zum Projekt »Lesen durch Schreiben«. Wie der Unterricht auch, soll dieses Treffen der Lehrkräfte praktisch, sinnlich und lustvoll sein. Und die Zahl von über 100 Anmeldungen beweist, daß dieser Anspruch offensichtlich auch eingelöst wird. Darüber hinaus ist die Organisation der Freinet-Pädagogik in Bayern eher niederschwellig ausgerichtet: Da gibt es keine Geschäftsführerin, ja nicht einmal ein Büro. Die anfallende Arbeit wird hier ehrenamtlich geleistet. Wer deshalb nicht nach einem Religionsersatz sucht, sondern nach einer bunten Szene von Gleichgesinnten, wer sich nicht in Vereinsmeierei üben möchte, sondern im Austausch innovativer Ideen und Projekte - der/die sollte sich diese Kontaktadresse notieren:

Petra und Ulrich Vogt,
Haus-Nr. 4,
96138 Unterneuses

Von Jonas Lanig (DDS 3-4/1999) mit freundlicher Genehmigung der GEW Bayern.

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